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Der Weltenbaukasten

8. April 2016
Wir Fantasy Autoren haben es ja leicht. Im Gegensatz zu Autoren, die sich im Hier und Jetzt bewegen oder gar historische Romane schreiben, brauchen wir überhaupt nicht zu recherchieren.
Oder?
 Pergamentkarte copy
Egal in welcher Welt oder Weltenkonstellation ein Fantasy-Roman spielt – sei es die Realität gemischt mit fantastischen Elementen, eine Parallelwelt mit Verbindung zu unserer eigenen oder ein komplett eigenständiges Fantasiereich – genau wie bei allen anderen Geschichten muss das, was in ihr passiert, schlüssig und nachvollziehbar sein. Alles andere merkt der Leser sofort und die fantastische Abenteuerreise, auf der er sich befand, zerbricht.
 
Wir Fantasy Autoren haben es also keineswegs leicht. Wo Andere ihre Nasen in Fachbücher stecken und sich die Hintergrundinformationen ihrer Geschichte zusammensuchen, müssen wir uns diese ausdenken. Und zwar vollumfänglich, mit allem worauf Figuren und Handlung aufbauen. Wo andere das Theaterstück schreiben, müssen wir quasi die Bühne und sämtliche Requisiten gleich mit erfinden.
Wie aber macht man das?
Wir kurzem habe ich in dem Artikel „Der Charakterbogen“ einen Leitfaden zur Entwicklung lebendiger Charaktere gepostet. Hier möchte ich nun etwas ganz ähnliches machen, nur für ganze Welten.
So wie eine Figur verschiedene Bestandteile Ihrer Persönlichkeit hat, so bestehen auch Welten aus verschiedenen „Bausteinen“. Je intensiver ihr euch damit beschäftigt, desto kleinteiliger können diese natürlich ausfallen. Deshalb hat der hier vorgestellte Baukasten keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll einfach Denkanstöße in die richtige Richtung geben.
Es macht Spaß, komplett bei Adam und Eva anzufangen, aber natürlich kann man sich auch stark an unserer Welt oder auch Europa anlehnen, wie es die meiste „mittelalterlich geprägte“ Fantasy tut. (Dann heißt es aber wieder recherchieren. ;)
 
Gerade die Fantasy lebt von bezaubernden, exotischen und abenteuerlichen Landschaften, die der Leser gemeinsam mit dem Protagonisten erkunden kann. Viele Bücher werden mit liebevoll gezeichneten Karten ausgestattet. Hier ein bisschen mehr Kreativität zu investieren lohnt sich also. ;)
 

Die Bausteine einer Welt

Ihr könnt euch den Prozess des Weltenbaus ähnlich vorstellen wie ein Haus. Bestimmte Gegebenheiten bedingen wiederum andere, so dass es sinnvoll ist, Schritt für Schritt vorzugehen.

Der Rohbau

Die Bedingungen, welche die Bewohner einer Welt vorfinden, entscheiden darüber, wie sie sich entwickeln. Das gilt für Tiere und Pflanzen ebenso wie für Menschen.

Geographie: Dies ist praktisch die Grundlage für alles andere. Ein paar Ideen, was man festlegen sollte:
  • Wo sind Berge, Gewässer, fruchtbare Ebenen, Wälder, Wüsten, Sümpfe, Vulkane …
  • Wo gibt es welche Ressourcen: Nahrung, Erze, Holz, Stein, Leinen, Felle …
  • Wie weitläufig ist das Land? Muss man Tage, Wochen oder Monate reisen, um von einem Gebiet zum anderen zu gelangen?
An Landmarken wie Bergen oder Flüssen werden sich einige Landesgrenzen orientieren. Straßen und andere Handelswege entstehen, um die natürlichen Ressourcen aus einer Gegend in den Rest des Landes zu verteilen. Außerdem entscheidet sich anhand der Geographie, wo Siedlungen und Städte entstehen können – oft ja an den eben genannten Handelswegen oder dort wo es besonders fruchtbar ist.
Wenn ihr Spaß daran habt, könnt ihr eine Karte eurer Welt zeichnen oder eines der zahlreichen Map-Creator-Tools aus dem Internet bemühen. (Die Karte, die ihr oben seht, habe ich mit Photoshop erstellt.)
 
Klimatische Bedingungen: Manches davon ist durch die Geographie bestimmt, aber nicht alles. Überlegt euch:
  • Wie ist das Klima in den verschiedenen Gegenden? Heiß oder kalt, trocken oder feucht, ständig wechselnd, stürmisch …
  • Gibt es sonstige charakteristische Wetterphänomene wie Passatwinde, extreme Gewitter oder Sandstürme?
  • Welche Jahreszeiten gibt es und wie sind sie verteilt? Welchen Einfluss haben sie auf Tier- und Pflanzenwelt und wie müssen sich auch die Menschen danach richten, z.B. bei Landwirtschaft, Jagd, Bauunternehmungen oder sonstigem?
Naturereignisse: Gibt es sonstige besondere Ereignisse, die regelmäßig vorkommen? (z.B. Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Meteoriteneinschläge …) Wie bereiten die Menschen sich darauf vor und wie gehen sie im Ernstfall damit um?
 
Feste Gegebenheiten ebenso wie regelmäßig wiederkehrende Ereignisse haben nicht nur einen starken Einfluss auf das tägliche Leben, sondern prägen auch Kultur und Tradition einer Gesellschaft (z.B. Feste im Jahreskreis, Glaube an Kometen als böse Omen, Sitz der Götter in den Bergen).

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Die Innenausstattung

Logisch: Je nachdem, welche Möglichkeiten der Rohbau bietet, werden sich die Lebensformen entsprechend anpassen.

Flora: Basierend auf der oben definierten Umwelt haben sich unterschiedliche Pflanzen entwickelt. Vielleicht gibt es wie bei uns viele Bäume, die als ausgedehnte Wälder die FantasiefruchtLandschaft prägen. Oder es haben sich stattdessen gigantische Gräser und Farne durchgesetzt. Oder schwimmende Pilze.
Welche davon lassen sich als Ressourcenlieferanten nutzen, sei es für Nahrung, Baustoffe, Textilien, Farbe, Papier, oder Kosmetik? Kann man sie anbauen? Wie verändert sich dadurch das Landschaftsbild?
 
Fauna: Wie sieht das Tierreich aus? Vielleicht sind in eurer Fantasiewelt die Säugetiere auf dem Vormarsch, vielleicht herrschen aber auch Reptilien wie zur Zeit der Dinosaurier oder gar Insekten.
Welche Tiere sind für die Menschen als Nutztiere geeignet und liefern Fleisch, Milch, Eier, Wolle, Fell? Welche Arbeits-, Reit- oder Haustiere hält man sich?
Auch über die Nahrungskette lohnt es sich, Gedanken zu machen, denn vielleicht steht ja später der ein oder andere Protagonist auf dem Speiseplan. ;)
 
Man kann beim Erschaffen ganzer Arten natürlich unglaublich kreativ sein. Aber Vorsicht bei der Dosierung. Allzuviel Unbekanntes, gerade in diesem Bereich, kann den Leser leicht erschlagen. Hier solltet ihr also lieber sparsam Akzente setzen, diese dann aber umso schöner ausarbeiten. Im Drillingsreich  gibt es zum Beispiel keine Pferde. Meine Protagonisten reiten auf Drachenfliegen und Sturmfaltern.

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Die Bewohner

SilberschwingenNeben dem Standard „Mensch“ gibt es ja mittlerweile ein ganzes Arsenal an alternativen Völkern, aus denen das Personal für eure Geschichten stammen könnte. Ihr habt die Wahl zwischen Elfen, Zwergen, Orks, Gnomen, Feen, Trollen, Aliens und allem, was ihr euch gerne ausdenken möchtet.
Allzu große Abweichungen von unserem alltäglichen Erleben des Menschseins hat sich aber bisher nicht bewährt. Der Leser soll sich ja trotz aller Kreativität noch mit den Figuren identifizieren können.
Die Spielwiese ist trotzdem noch groß genug.
Neben verschiedenen Rassen kann man Gesellschaften mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen, Hierarchien und sonstigem erfinden.
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Nina Blazon sagte einmal in einem Seminar über Fantasy, es ginge um „menschliche Grundkonflikte befreit vom Kleid der Epoche“.
Ein neues Kleid zu weben, darum geht es, wenn wir neue Gesellschaften für unsere Figuren erfinden.
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Da dieses Thema allein schon sehr umfassend ist, widme ich ihm einen eigenen Post, beim nächsten Mal. :)
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PS: Einen sehr schönen Beitrag zum gleichen Thema hat auch Isabella Benz geschrieben. Aus dem Nähkästchen – Weltenbau
Pfote
 
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16 Kommentare leave one →
  1. 8. April 2016 15:07

    Gute Ideen. Ich denke, um sich beim Weltenbau nicht in Details zu verzetteln, kann es sehr sinnvoll sein, auf eine alles bestimmende Idee zu fokussieren und von dieser aus den Rest der Welt zu entwickeln. Brandon Sanderson hat in seinen Stormlight Archives eine Welt entwickelt, in deren Mittelpunkt wiederkehrende Stürme stehen. Die Stürme und ihre Auswirkungen beeinflussen alles, von der Flora bis zum Hausbau. Ein solcher starker Anker kann auch dabei helfen, die Welt zu einem organischen Ganzen zu machen.

    • 8. April 2016 19:51

      Danke :) Ganz genau das habe ich gemeint. Wenn man ein paar zentrale Aspekte hat, die für die Handlung wichtig sind, kann man alles andere darum herum aufbauen.

  2. 8. April 2016 16:49

    Hallo
    Toller Beitrag 😆
    Ganz lieben Gruß

  3. 9. April 2016 10:30

    Hat dies auf effifanblog rebloggt und kommentierte:
    Ein toller Beitrag, der zeigt, dass das Schreiben und Beschreiben von Fantasy-Geschichten Arbeit (ARBEIT) ist!

  4. 9. April 2016 18:44

    Hat dies auf + Dunkelfeder + rebloggt und kommentierte:
    Dieser Beitrag könnte alle interessieren, die wissen wollen, wie man eine ganz neue Welt erschafft. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Immerhin fängt man bei Null an und erfindet alles neu. Geographie, Klima, Wesen in der Welt, jedes noch so kleine Detail muss bedacht werden, damit die Welt authentisch wird. Kein Wunder also, wenn ein Fantasyroman bis zur Veröffentlichung mehrere Jahre braucht. Das Gleiche gilt für Science-Fiction.

  5. 10. April 2016 13:58

    Toller Beitrag und absolut Lesenwert ;)
    Ganz lieben Gruß
    Jeanette von Eine Bücherwelt

    • 11. April 2016 18:14

      Vielen Dank. Ich freue mich, dass er dir gefällt. Ganz lieben Gruß zurück :)

  6. 11. April 2016 19:00

    Hallo Susanne,
    Gegenbesuch! Und gebe auch gleich mal das Kompliment zurück, das ist ein sehr schöner Blog :) Habe dich gerade auch erstmal auf meine Linkliste gesetzt.
    Du bist ja fast schon Stammautorin bei Torsten Low, wie cool!
    Liebe Grüße,
    Isa

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