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Ein bisschen Münchhausen in dunklen Lockdown-Zeiten

7. Mai 2021

Was ist das für ein neues Leben, das wir da führen, um uns und andere zu beschützen? Wann werden wir uns fragen, ob dieser Preis die Rettung überhaupt wert war?

Ich kenne inzwischen einige Leute, die an COVID erkrankt sind. Es ist beileibe keine schöne Erfahrung. Bisher sind jedoch alle wieder restlos gesund geworden. Ein Glück. Dagegen kenne ich eine ganze Menge Leute, die am Lockdown erkrankt sind und bei denen bisher keine Besserung in Sicht ist. Langzeitschäden sind wahrscheinlich. Depression, Rückenprobleme, Angstzustände, Übergewicht, um nur einige Beispiele zu nennen.

Nach über einem Jahr Lockdown hat die Zeit zuweilen die Konsistenz von Kaugummi angenommen. Dann wieder gleicht sie fliegendem Blütenstaub. Manchmal fühle ich mich, als wäre ich in diesem Jahr um 10 Jahre gealtert und dabei gleichzeitig auf der Stelle kleben geblieben.

Ich war schon immer abenteuerlustig, das Neue in all seinen Farben und Formen ist für mich Lebenselixier und Antrieb. Entdecken, erkunden, erleben, ausprobieren, mich austauschen, inspirieren lassen – das alles ist seit über einem Jahr zum Stillstand gekommen. Und wie eine Blume ohne Wasser wurde ich welk und schlapp.

Ich funktioniere. Ich denke, ich mache nach wie vor einen guten Job, auf der Arbeit wie zuhause. Doch von dem Quell, an dem ich meine Energiereserven wieder auffüllen kann, bin ich so ziemlich abgeschnitten. In den ersten Monaten war es noch erholsam, Waldspaziergänge zu machen, die engste Familie zu besuchen, das neue Sportprogramm durchzuziehen. Doch inzwischen sind diese Möglichkeiten ausgelutscht. Die persönlichen Kontakte, die ich noch habe, schmecken allzu oft schal, denn worüber soll man schon reden? „Habt ihr was vor am Wochenende?“ – „Ach, was sollen wir schon vor haben?“

Inzwischen fühlt sich all meine Freizeit schon wie Alltag und Routine an. Ist es auch. Es ist ein Teil der täglichen Disziplin, um nicht vollkommen zu versauern. Noch nie war mir so deutlich klar, das Erholung und Ausruhen (zumindest für mich) recht wenig mit Ruhen zu tun hat.

Ich habe für all das keine Lösung. Ich weiß nur, ein Opfer der Umstände zu sein, hilft niemandem. Okay, vielleicht kann ich mich mit dieser Einstellung einfach auf dem Sofa liegen lassen und jammern. Aber meine Situation wird dadurch nicht besser.

Ich bin die Einzige, der ich die Verantwortung für mein Leben zuschreiben kann. (Auch wenn derzeit Eigenverantwortung und eigenständiges Denken nicht hoch in Kurs zu stehen scheinen.) Sollte ich tatsächlich depressiv oder mit einem Bandscheibenvorfall aus dieser Zeit herausgehen, nützt es mir rein gar nichts, dass ich aber doch brav alle Vorschriften eingehalten habe. Ich trage die Verantwortung für mich und meine Familie. Kein Staat, kein Gesetz und keine Pandemie kann (und darf) mir diese Verantwortung abnehmen.

Ich allein habe es in der Hand, was ich aus den Umständen mache. Das ist einerseits noch immer keine Lösung. Andererseits ist es aber ermutigend. Denn ich muss nicht auf einen Erlöser oder Retter warten. Stattdessen kann und muss ich mich an meinem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen. Baron Münchhausen hat es vorgemacht.

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